Was war geschehen?

Die katholische Organisation „Catholic Answers“, eine Evangelisierungsinitiative in den USA, hatte einen Priester als virtuelle Person mit KI-Technologie geschaffen, der Fragen rund um den Glauben beantworten sollte. Doch schon bald gab er fragwürdige Antworten – zugegebenermaßen auf Antworten, die menschlichen Priestern vermutlich selten gestellt werden. So bejahte er beispielsweise die Frage, ob ein Baby im Notfall mit Gatorade (eine Art Limonade) getauft werden könne.
Die überwiegend negativen Reaktionen auf diese und andere Fragen veranlassten die Betreiber, den virtuellen Priester umgehend zu laisieren. Aus Pater Justin wurde der Apologet Justin.
Warum aber löste dieser virtuelle Seelsorger solch starke Reaktionen aus?
Der sogenannte „Uncanny Valley”-Effekt[1] liefert eine mögliche Erklärung. Dieser beschreibt, wie Menschen auf künstliche Figuren reagieren, die dem Menschen sehr ähnlich, aber nicht ganz echt wirken. Dabei gilt: Je menschenähnlicher eine künstliche Figur ist, desto positiver reagiert das Publikum zunächst. Doch dann kommt der Punkt, an dem die fast perfekte, aber eben nicht ganz echte Darstellung ein Gefühl des Unbehagens auslöst.
Die Debatte um KI in religiösen Kontexten geht jedoch über visuelle Eindrücke hinaus. Sie berührt fundamentale Fragen nach dem Verständnis des priesterlichen Amtes und sakramentaler Aufgaben.
Ein KI-generierter Priester wie Pater Justin ist letztlich nicht aufgrund der Nachbildung eines realen Menschen so heikel, sondern weil hier ein sakramentales Weiheamt mittels KI nachgebildet wird. Und genau in der Rolle dieses Amtes hat die KI die meisten fragwürdigen Antworten gegeben (z.B. die Beichte abgenommen und eine Absolution, die der KI zufolge gültig war, erteilt).
Eine entscheidende Frage ist also: Ist der Einsatz solcher Technologien in religiösen Kontexten zielführend oder nur/besonders in Bezug auf das sakramentale Amtsverständnis kritisch zu betrachten? Nach der Laiisierung des Chatbots von Pater Justin hin zum Apologeten Justin ebbte die Kritik schließlich ab[2].
Dementsprechend scheint sich die Technologie also größtenteils zu bewähren. Wie so oft in der Digitalpastoral gilt es nun, die Gratwanderung zwischen Technologieoffenheit für neue Formen der Glaubenskommunikation und einer Grenzsetzung zu meistern – besonders wenn es um sensible Bereiche wie Seelsorge und Glaubensvermittlung geht. Der Fall von Pater Justin zeigt: KI und Kirche können zusammengehen. Diese Symbiose ist aber nicht unumstritten und es braucht großes Fingerspitzengefühl dafür.
[1]https://filmlexikon.uni-kiel.de/doku.php/u:uncannyvalleyeffekt-7740
[2] Dieser KI-Chatbot kann bis heute ausprobiert werden: https://wvw.catholic.com/ai. Ein Gespräch ist mit deutschen Fragen, die auf Englisch beantwortet werden möglich. Es kann dabei aber passieren, dass die Simulation in ein unverständliches Kauderwelsch wechselt, das nicht verständlich ist.
Autorin: Tanja Köglmeier, Fachstelle Medien & Digitales
