Das Dokument trägt den Titel Dilexi te, zu Deutsch: "Ich habe dich geliebt". Bereits am vergangenen Samstag, dem Gedenktag des hl. Franziskus, hatte er die sogenannte „apostolische Exhortation“ feierlich unterzeichnet.
Gottes- und Nächstenliebe
Sein Schreiben, das, wie Leo XIV. erklärt, bereits von seinem Vorgänger, dem im April verstorbenen Papst Franziskus, vorbereitet worden war, greift dessen letzte Enzyklika Dilexit nos („Er hat uns geliebt“) auf. Dort war das Geheimnis der göttlichen Liebe und die Verehrung des Herzens Jesu im Blick, die nun auf das Geheimnis der Nächstenliebe bezogen werden: „Ich teile den Wunsch meines verehrten Vorgängers“, so Leo XIV., „dass alle Christen den tiefen Zusammenhang zwischen der Liebe Christi und seinem Ruf, den Armen nahe zu sein, erkennen mögen.“ (Dilexi te, Nr. 3)
Die Liebe zu Christus verbinde sich mit der Liebe zu den Armen, es gehe nicht um bloße Wohltätigkeit, sondern um Offenbarung. Denn, so der Papst, der Kontakt mit den Machtlosen und Geringgeachteten sei eine Begegnung mit dem Herrn der Geschichte. Wenn Jesus im Evangelium einerseits klarmache: „Die Armen habt ihr immer bei euch“ (Matthäus 26,11) und andererseits verheiße: „Ich bin bei euch alle Tage“ (Matthäus 28,20), dann erinnere uns das an die geheimnisvolle Gegenwart Christi in den Geringsten. „In den Armen hat er uns auch weiterhin noch etwas zu sagen.“ (Nr. 5)
Mitte des Evangeliums
Der Heilige Vater ist sich sicher: „Für uns Christen führt die Frage nach den Armen zum Wesentlichen unseres Glaubens.“ Denn die Armen seien für Christen nicht zunächst eine soziologische Kategorie, sondern „das Fleisch Christi selbst“. Es genüge nicht, die Lehre von der Menschwerdung Gottes allgemein zu verkünden. „Um wirklich in dieses Geheimnis einzutreten, muss man genauer sagen, dass der Herr Fleisch angenommen hat, das hungert, dürstet, krank ist und gefangen“ (Nr. 110).
Gott, der selbst hinabgestiegen sei, um sich mit einem Herzen voller Liebe seinen Geschöpfen zuzuwenden und sich ihrer Armut anzunehmen, fordere auch von uns eine entschiedene und radikale Parteinahme für die Schwächsten (Nr. 16). „Es ist stets zu bedenken", so der Papst, "dass das Anliegen des Evangeliums nicht bloß in einer individuellen und innigen Beziehung zum Herrn besteht. Das Anliegen ist viel umfassender.“ (Nr. 97) Es gehe um das Reich Gottes, letztlich um die Liebe. Und „die Liebe ist eine Kraft, die die Wirklichkeit verändert, eine echte geschichtsverändernde Kraft“ (Nr. 91).
Verändernde Kraft
In diesem Sinne lädt Leo XIV. dazu ein, diese göttliche Kraft, die alles verändert, wirksam werden zu lassen: „Die christliche Liebe überwindet alle Schranken, bringt Fernstehende einander nahe, verbindet Fremde, macht Feinde zu Vertrauten, überwindet menschlich unüberwindbare Abgründe und gelangt in die verborgensten Winkel der Gesellschaft. Die christliche Liebe ist ihrem Wesen nach prophetisch, sie vollbringt Wunder, sie kennt keine Grenzen: Sie ist für das Unmögliche da. Die Liebe ist vor allem eine Art Lebenskonzept, eine Lebensweise. Eine Kirche, die der Liebe keine Grenzen setzt, die keine zu bekämpfenden Feinde kennt, sondern nur Männer und Frauen, die es zu lieben gilt, das ist die Kirche, die die Welt heute braucht.“ (Nr. 120)
Raphael Edert
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